

Fistifil, ein kräftiger Krieger, ritt gemeinsam mit seiner Schwester Faldafeh durch die Wälder unterhalb ihrer Burg. Sie waren Norgen - Katzenartige. Faldafeh war die Königin dieses stolzen Volkes, das die Gabe hatte, sich jederzeit mit Hilfe eines magischen Kristalls, den die meisten an einer Halskette trugen, in eine Katze zu verwandeln. In ihrer richtigen Gestalt unterschieden sie sich von den Menschen nur durch die Katzenaugen und die spitzen Reißzähne. Die Norgen waren allseits geachtet. Sie waren gute Kämpfer mit der Geschmeidigkeit einer Katze. Sie konnten jede Bewegung lange sehen, jedes Geräusch lange hören, bevor es ein gewöhnlicher Mensch konnte, und sie hatten ein ausgeprägtes Gespür für Gefahren.
An diesem sonnigen Wintertag war es klirrend kalt. Die Zweige der Tannen bogen sich schwer unter der Last des Schnees und dann und wann rutschte er von den Zweigen herunter und rieselte leise auf den schneebedeckten Waldboden. Es war malerisch.
Aber beide wußten, daß dies nur ein Trugbild war. In Seribain war nichts mehr malerisch und schön. Nicht mehr, seit der Hexenmeister Tarna mit seiner Armee von Gollons und Gmorrns die Welt beherrschte. Anfangs war es noch niemandem aufgefallen, zu welcher Macht dieses Monster gelangt war, aber immer öfter verdunkelte der Rauch brennender Dörfer den Himmel und die Schreie der Sterbenden hallten durch verlassene Täler. Auf den Straßen traf man kaum noch auf Reisende und Wanderschauspieler, Gaukler und Akrobaten zogen nicht mehr wie einst zu den zahlreichen Märkten. Es grassierte nur noch Angst. Immer größere Teile des Landes wurden zerstört, die Menschen mehr und mehr unterdrückt. Tarna ließ die Städte plündern, brandschatzen und die Bewohner versklaven. Allein sein Name genügte, um den Leuten Angstschauer über den Rücken zu jagen.
Faldafeh blickte sich immer wieder unruhig um und wandte sich schließlich an ihren Bruder.
»Wir sollten zurückreiten. Ich traue diesem Wald heute nicht. Es ist einfach zu still.«
Der junge Norge nickte. »Ja, vielleicht hast du recht. Ich habe auch ein ungutes Gefühl.«
Sie wendeten ihre Pferde und beeilten sich, zurück in die schützenden Mauern der Burg zu gelangen, in der sie lebten. Doch sie sollten sie nicht mehr erreichen.
Jäh zerriß der Klang dumpfer Schlachthörner die Stille, noch ehe sie in die Nähe der Burg kamen. Fistifil kannte den Klang. Auf seinen abenteuerlichen Reisen mit seinem Freund und Gefährten Ranon, einem Jäger von der Insel Fandor, war er auch durch das Tote Land gezogen. Dort hatten sie von einem Berg aus die finsteren Umrisse des Vulkans aufragen sehen, auf dem sich Tarnas Burg befand. Schwefeliger Rauch wurde von seiner Spitze herunter getrieben und verteilte sich träge. Erst als er sich lichtete konnten sie Teile der Burg erkennen. Sie sah aus, als hätte sie sich selbst durch bloße, bösartige Willenskraft aus dem Boden gerissen. Dort hatte er zum ersten Mal die Schlachthörner der Gollons gehört und Tarnas drohende Macht gespürt.
Und nun spürte er sie wieder, hörte den rauhen mißtönenden Klang der Hörner - überall um sie herum. Und sie kamen näher!
Faldafeh griff nach ihrem Schwert aber Fistifil schüttelte den Kopf.
»Im Kampf haben wir keine Chance! Wir müssen fliehen!«, rief der kräftige Norge.
»Fliehen? Aber wohin? Sie sind überall!« rief Faldafeh schrill. Sie versuchte krampfhaft, ihr tänzelndes Pferd zu beruhigen.
»Wir verschwinden in Katzengestalt! Ich glaube, die Gollons sind einfach zu plump, um uns so wirklich gefährlich zu werden. Komm, wir schlagen uns durch das Unterholz.« Fistifil sprang von seinem Pferd und verwandelte sich mit Hilfe seines Kristallanhängers in einen stattlichen rotgestromten Kater. Ungeduldig trippelte er im Schnee umher, der ihm nun bis zum Bauch reichte.
»Nun mach schon, Faldafeh! Wenn sie uns erst erreicht haben, ist es zu spät!« fauchte er.
Faldafeh sprang ebenfalls vom Pferd und gab ihm einen Klaps, damit es davonlief. Anschließend verwandelte sie sich in eine schwarzgraue Langhaarkatze und sprang zusammen mit Fistifil in das Dickicht.
Schon konnten sie die ersten Gollons erkennen, die auf ihren mächtigen Schlachtrössern geritten kamen. Diese Kreaturen waren die Ausgeburt des Bösen. Mächtige Muskeln und Sehen spannten ihre grünschuppige Haut unter klirrenden Rüstungen, während sich ihre Umhänge hinter ihnen aufbauschten wie Fledermausflügel. Ihre Hände und Füße waren mächtige krallenbesetzte Klauen und die schmalen, zu Schlitzen verengten Augen glühten wie Kohlen in denen sich die Hölle widerspiegelte. Aber am gräßlichsten waren ihre Waffen. Schwerter, die am Ende Haken hatten, mit denen sie ihren Gegnern die Eingeweide herausrissen, mächtige Morgensterne und Streitäxte waren an den Sätteln ihrer Rösser befestigt und klapperten unheilvoll bei jeder Bewegung.
Faldafeh und Fistifil schlichen leise und in geduckter Haltung durch das Buschwerk. Überall um sie herum wimmelte es nun von diesen gräßlichen Ungetümen. Sie schwärmten aus, als ob sie nach etwas suchten - oder jemanden!
Plötzlich stand wie aus dem Nichts ein Monster vor ihnen, wie sie es noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatten. Und doch wußten sie beide, daß es kein Geringerer als Tarna persönlich war. Er hatte den Körper eines Mannes, aber aus seinem Kopf wuchsen drei gewaltige Hörner und Wolfsohren. Auch die Augen waren die eines Wolfes und graues Haar fiel ihm bis auf die Hüften.
Er lachte. Und sein Lachen war so entsetzlich anzuhören, wie das Kreischen eines wildgewordenen Vogels. Eine unbändige Angst ließ den Norgen die Luft wegbleiben, alle Glieder zum zerreißen gespannt.
»Königin der Norgen! Dich habe ich gesucht - dich will ich haben!« zischte er leise und zeigte auf Faldafeh.
Seine Stimme hatte etwas entsetzliches in sich, eine unerschütterliche, beängstigende Gewißheit. Aber da war noch mehr - und dieses mehr wagten die Norgen nicht zu ergründen.
Die bloße Macht seines Blickes reichte aus, die beiden Katzen zu lähmen, so daß sie nicht mehr fähig waren, sich von der Stelle zu bewegen.
Fistifil schrie kläglich auf, als er hilflos mit ansehen mußte, wie der Hexenmeister seine Schwester packte und in einen Sack steckte. Dann zeigte Tarna auf Fistifil und murmelte einige unverständliche Worte.
»Fistifil von Norgen! Von heute an wirst du für den Rest deines Lebens in dieser Katzengestalt bleiben! Dein Kristall ist jetzt wertlos und jeder andere, den du beschwörst, wird es auch sein. Aber um dir einen Hoffnungsschimmer zu lassen, gebe ich dir einen Hinweis. Du kannst wieder ein Mensch werden, wenn eine Frau, die dich aufrichtig liebt, den richtigen Stein in den Kristallbergen von Dornil findet. Aber es kann keine Norgin sein.« Er lachte scharig und Fistifil hoffte, er würde es nie wieder tun.
Tarna trat heftig nach Fistifil und verletzte ihn dabei arg. Dann verschwand er so schnell, wie er gekommen war und mit ihm die Horde seiner Gollons - und Fistifils geliebte Schwester.
Als die Lähmung, die Tarna verursacht hatte, nachließ, machte sich Fistifil humpelnd auf den Weg zurück zur Burg. Er versuchte immer wieder, sich in einen Menschen zu verwandeln, aber Tarna Bann wirkte. Er war und blieb ein Kater.
Die starken Schmerzen ließen ihn nur langsam vorankommen. Sein rechtes Hinterbein war stark geschwollen und kaum zu gebrauchen. Bald schon setzte die Dämmerung ein und er suchte frierend Schutz unter einer Tanne, deren Zweige sich bis zum Boden neigten.
Die Kälte der einsetzenden Nacht ließ ihn zittern. In seinem Bein klopfte es, als säßen tausend Teufel darin und ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Dazu kam die Sorge um seine Schwester. Er machte sich bittere Vorwürfe, überhaupt mit ihr den Schutz der Burg verlassen zu haben. Eigentlich wollte er allein zur Jagd gehen, hatte sich aber überreden lassen statt dessen mit ihr durch die Wälder und Berge zu reiten. Warum hatte er nur nachgegeben? Er atmete tief ein, als er an Tarnas Worte dachte, wie der Bann zu brechen war. Es gab keine Nicht-Norgin, die ihn aufrichtig liebte und eine gewöhnliche Frau würde sich sicher nicht in dieser Gestalt in ihn verlieben, geschweige denn auch noch den richtigen Kristall finden können. Aber das hatte Tarna mit seinem Bann ja auch bezweckt.
Die Nacht ging nur langsam vorbei, aber endlich kam der Morgen. Fistifil humpelte unter der Tanne hervor und machte sich erneut auf den Weg. Der hohe Schnee wäre auch ohne Verletzung in Katzengestalt ein Problem gewesen, aber so kam ihm der Rückweg unendlich vor.
Er wußte nicht, wie lange er schon unterwegs war, als er eine Stimme vernahm, die seinen Namen rief. Er kannte diese Stimme. Sie gehörte seinem besten Freund Ranon - und er suchte ihn!
»Ich bin hier!« rief Fistifil und dankte den Göttern, daß Tarna ihm wenigstens die menschliche Sprache gelassen hatte.
Die Stimme kam näher und Fistifil antwortete erneut. Endlich sah er Ranon auf sich zukommen und sein Herz machte einen Freudensprung. Er war gerettet!
Der junge Jäger sprang von seinem Pferd und kniete sich zu Fistifil in den Schnee.
»Was ist geschehen? Wo ist Faldafeh? Als ich gestern in der Burg ankam, sagte man mir, daß ihr in den Wäldern unterwegs seid. Als dann eure Pferde ohne euch zurückkamen machte ich mir schreckliche Sorgen. Ich bin dann im ersten Morgengrauen aufgebrochen, um euch zu suchen. Zum Glück habe ich den richtigen Weg eingeschlagen«, rief Ranon.
»Bin ich froh, dich zu sehen!« rief der Norgenkater und humpelte zu seinem Freund. In kurzen knappen Sätzen erzählte er ihm, was sich zugetragen hatte.
Ranons Gesicht verfinsterte sich. »Tarna! Es scheint ihm zu gefallen, die Bewohner Seribains zu quälen und vor unlösbare Aufgaben zu stellen. Kannst du dir vorstellen, was er von Faldafeh will?«
Der Kater zuckte lässig mit dem Schwanz. »Sie ist die Hüterin über die Kristallmagie. Ihr obliegt es, das Geheimnis zu schützen, welches uns Norgen ermöglicht, uns in eine Katzengestalt zu verwandeln. Ich schätze, daß Tarna hinter dieser Magie her ist.«
Ranon starrte in den verschneiten Wald. »Damit er noch mächtiger wird, als er es ohnehin schon ist. Und damit du im dabei nicht ins Handwerk pfuschst, hat er dich kurzerhand mit einem Bann belegt.«
Fistifil legte eine Pfote auf Ranons Arm. »Es hätte mißlicher kommen können. Die Gestalt einer Katze ist für mich nicht das Schlimmste. Und wer weiß vielleicht gibt es ja irgendwo eine geheimnisvolle Frau, die mich aufrichtig liebt.«
Ranon blickte den Kater abschätzend an. »Das wage ich zu bezweifeln.«
Der Kater überlegte einen Moment, ob er seinem Freund die Krallen in den Arm schlagen sollte, aber er überlegte es sich anders. »Ich hatte noch nie Probleme mit Frauen«, sagte er statt dessen pikiert.
Ranon konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. »Nein, aber sie mit dir Aber um auf den Grund zu kommen, warum ich dich besuche: Erinnerst Du dich noch an die Prophezeiung?«
Fistifil schnaubte abfällig. »Natürlich. Irgendwann wird eine uralte Frau aus irgendeiner fremden Welt auftauchen und den Hexenmeister und seine Kreaturen vernichten.«
Ranon schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Eine Frau von uraltem Namen - keine uralte Frau - gezeichnet mit einem sternförmigen Mal wird aus einer fremden Welt kommen und dem Hexenmeister entgegentreten. Wie du weißt, wurden bereits verschiedene Eingänge in diese fremde Welt gefunden - einer davon ist sogar bei euch in der Burg. Aber auf Fandor befindet sich auch so ein Durchgang, und über diesen hat die Sternenfee Kylia die Erlöserin gefunden. Jetzt ist es unsere Aufgabe, die Auserwählte vor Tarna zu schützen, bis der Zeitpunkt der Befreiung gekommen ist.« Ranon hob den Kater auf sein Pferd und setzte sich hinter ihn.
Der Kater sah seinen Freund an und fast schien es, als würde er grinsen.
»Das ist eine gute Nachricht, Ranon. Wenn Tarna stirbt, stirbt auch sein Bann. Ich werde wieder ein Norge und Faldafeh wird wieder frei sein. Also sollten wir uns gleich auf den Weg machen.«
Ranon grinste. »Vielleicht sollten wir noch warten, bis du wieder bei Kräften bist.«
»Wozu? Nach einem guten Essen und einer Nacht Schlaf bin ich kräftig genug. Faldafeh braucht uns. Hier endet das Abenteuer und die Pflicht beginnt! Also gib dem Pferd die Sporen.«
Frameset fehlt? Home