Vom Wandel der Welt

© Dirk Wonhöfer

Loki blickte gehetzt über ihre Schulter. Sie hatten die Wälder hinter sich gelassen und näherten sich nun einem steinigen Vorgebirge. Schnaufend fand sich Thalar neben ihr ein, legte seine Hand auf ihre Schulter und bat um eine kurze Rast.

Sie mußte ihn enttäuschen. "Wir haben keine Zeit, mein Liebster."

Er starrte sie verzweifelt an, doch schließlich nickte er und stolperte weiter, während sie ihn bei der Hand nahm und durch die Felslandschaft führte. Sein Körper erzählte von Erschöpfung und Qual, doch seine Züge verrieten nichts von alledem. Seine fleischliche Schwäche erinnerte Loki schmerzlich daran, warum es ihrem Volk verboten war, eine Beziehung mit einem Menschen einzugehen. Elfen waren ausauernder und von Natur aus bessere Läufer, in der Lage, mehrere Tage lang durch zu marschieren. Ein Mensch hingegen schien solche Strapazen nicht auf sich nehmen zu können. Doch entgegen aller Anzeichen der Schwäche schaffte er es nun bereits seit zwei Tagen, mit ihr gemeinsam vor den Jägern ihres Volkes zu fliehen. Deswegen liebte sie ihn: Sein Geist war stark und siegte über das Fleisch. Aber wie lange konnte er noch durchhalten?

"Wir werden hier entlang gehen" entschied sie spontan und deutete auf einen schmalen Pass, der von hohen Felswänden gesäumt war. "Dorthin werden sie uns nicht folgen."

"Wieso? Was ist an diesem Ort so besonders?"

"Er ist heilig. Es ist das Land unserer Vorfahren, berichten die Ältesten. Jeder, der einen Fuß darauf setzt, macht sich eines Verbrechens strafbar, das nur durch den Tod gesühnt werden kann. Doch unsere Leben sind sowieso verwirkt, falls unsere Flucht nicht gelingt. Darum macht es auch nichts mehr aus, wenn wir die Shka'ra betreten."

Thalar blinzelte, seine Lippen bewegten sich stumm. Loki wußte, dass er nach einer passenden Übersetzung des fremden Wortes suchte. "Die ... Vorväterstadt?" fragte er schließlich.

"Ein sehr guter Versuch" sagte sie und lächelte mild, wobei sie ihm das Haar aus dem Gesicht strich. Er roch nach Schweiss, warm und vertraut. Sie mochte den Geruch, denn Elfenkörper besaßen keine Drüsen und produzierten keinen Schweiss. "Es bedeutet Stadt der Väter. Selbst denjenigen unter uns, die bei euch Menschen am ehesten Priester heißen würden, ist dieser Ort verboten."

"Bei uns Menschen" wiederholte Thalar leicht säuerlich. Er blickte sie streitlustig an, doch in ihrem Ausdruck war keine Abwertung, in ihrer Haltung kein unterschwelliger Affront auf seine Rasse. Loki war einfach nur ehrlich, wie jedes mal. Der Zorn in seinen Augen schwand. "Ich glaube, ich habe ebenfalls von dem Platz gehört" sagte er nachdenklich. "In einem alten Laden lauschte ich einmal zwei alten Männern. Sie redeten über dieses Gebirge. Sie sprachen über ein verbotenes Tal, in dem Gefahr lauert. Angeblich haust dort das Übel selbst, in Form von Ungeheuern und Dämonen."

"Dieses Tal ist unsere einzige Möglichkeit, dem Tod zu entgehen, jedenfalls vorerst. Ich habe weder Angst vor meinen Vorfahren, noch vor irgendwelchen Ungeheuern deines Volkes. Du etwa?"

Ihre kalten Finger umschlossen seinen Arm, als sie ihn mit sich zog und ihn tiefer in das Gebirge hinein führte. Bald schon drangen keine Sonnenstrahlen mehr bis in die Schlucht vor. Thalar, der gerade noch geschwitzt hatte, fröstelte nun ein wenig. Loki schlang ihren Mantel von den Schultern und wickelte den Menschen darin ein, der diese Geste mit einem Kuß vergalt.

Nach einiger Zeit vergrößerte sich der Abstand zwischen den Wänden, als hätte jemand einen Keil dazwischen getrieben. Hoch oben lugte sogar ein Stück blauer Himmel zwischen den Felsen hervor.

"Dort vorn scheint so etwas wie eine Höhle zu sein." Loki deutete auf mehrere zerfallene Säulen. Eine von ihnen lag quer vor einem dunklen Loch im Fels. Die Elfe zerrte ihren Begleiter darauf zu und spähte über die Säule hinweg in die Finsternis.

"Nichts zu erkennen" sagte sie, während sie über die zersplitterten Steine hinweg kroch und sich in die Höhle fallen ließ. Ihre Stimme klang hohl, als sie nach Thalar rief. Mit einem Schmatzer landete er auf einem Moosbett neben ihr und sah sich unsicher um. Es lag ein taufrischer Geruch in der Luft, obwohl alles alt und verbraucht anmutete.

Die Elfe machte ein paar Schritte in die Dunkelheit hinein, als die Wände um sie herum plötzlich zu flackern begannen. Thalar schrie entsetzt auf und ballte die Fäuste, Loki kauerte sich mit gespreizten Beinen auf den Boden und wartete in Kampfhaltung ab. Das seltsame Feuer an den Wänden hörte auf zu Flackern und wurde stetig, erleuchtete das Innere der Höhle. Als nach mehreren Augenblicken nichts weiter geschah, erhob sich Loki und schritt zur gewölbten Wand.

"Nicht berühren!" rief Thalar, doch die Hand seiner Gefährtin lag bereits auf der leuchtenden Fläche.

"Es ist ... kalt."

"Kaltes Feuer?"

"Es sieht nicht aus wie Feuer. Sondern einfach nur wie Licht."

Skeptisch sah der Mensch an den Wänden auf und ab. Sein Blick wanderte zum entfernten Ende des Tunnels, wo die Schwärze wieder Überhand gewann. Langsam gingen sie auf das unbestimmte Dunkel zu, bis sie wieder in völliger Finsternis standen. Loki drängte ihn dazu, weiter zu gehen. Sie konnte zwar seine Miene nicht erkennen, doch sie wußte, dass er den Mund verzogen hatte und die Stirn in Falten gelegt. Lieber würde er in völliger Dunkelheit bleiben, als wieder in die Nähe des seltsamen Lichts zu gelangen.

Immer wieder führte sie ihr Weg um eingestürzte Felsen herum, doch der Tunnel war niemals so versperrt, dass sie nicht weiter kamen. Nach langer Zeit endete der Gang in einer Wand aus Metall, die wie der Rest der Höhle schimmerte. Thalar, der längst umdrehen wollte, beobachtete, wie Loki die Wände auf der Suche nach einem Hebel oder etwas dergleichen abtastete.

"Laß uns umkehren" sagte der Mensch in dem Moment, als das Metall zu brummen begann und einfach nach oben hinweg glitt. Er starrte in den entstandenen Durchgang. Dahinter lag ein Raum, der von hunderten bunten, leuchtenden Punkten erhellt wurde. Ein schwarzer Stuhl mit hoher Lehne stand in entgegen gesetzter Richtung zu ihnen. Unter der Sitzfläche waren Füße zu sehen. Sie bewegten sich nicht.

"Dort sitzt jemand" flüsterte Loki. Thalar nickte und faßte sie an der Schulter. Die Elfe riß sich jedoch los und tat einen Schritt in den Raum. Langsam drehte sich der Stuhl in ihre Richtung und offenbarte ein uraltes Wesen, das sie aus grauen Augen anblickte. Es war hochgewachsen und trug fremdartige Kleidung, doch es wirkte auf seltsame Weise vertraut.

Loki schluckte und ließ die Finger ihrer Rechten hinter dem Rücken spielen, bis Thalar den Wink verstand, sie umklammerte und fest hielt. "Wer seid Ihr?" fragte sie sodann mit fester Stimme.

Die Kreatur im Stuhl hob den Kopf. "Mein Name lautet ... Jonathan. Jonathan Malice. Ich bin der letzte Überlebende der Alten Welt."

"Die Alte Welt? Was ist das?"

"Nichts, was jetzt noch von Belang wäre. Alles, was ihr kennt, entstand aus den Ruinen dieser Alten Welt. Ich hätte nicht vermutet, noch einmal andere Menschen zu Gesicht zu bekommen ..."

"Ich bin kein Mensch" empörte sich Loki, doch die Gestalt schien sie zu überhören und fuhr fort.

"Ich spüre meinen Tod nahen, deswegen werde ich euch nun erzählen, was ich weiß. Ich bin zwar nicht dazu berechtigt - niemand ist das - doch wer könnte mich jetzt noch daran hindern?" Das Wesen lachte schrill und rasselnd. Es mußte sehr krank sein. "Du bist ein Mensch, verehrte Besucherin, ebenso wie dein Freund. Ihr alle, die ihr in der Neuen Welt lebt, seid Menschen. Es gibt keine unterschiedlichen Rassen."

Thalar, der sich nun verpflichtet fühlte, etwas zu sagen, trat nach vorn. "Das ist nicht die Wahrheit! Es gibt das Volk der Zwerge oder der Trolle! Es gibt Magier und Elfen, und mit einer von ihnen bin ich sog-"

"Nur eine Rasse, die aus dem Menschen entstand" sagte das Wesen namens Jonathan unbeirrt. "Diese Welt, auf der ihr lebt - ihr Name lautet Erde. Wir, die Menschen, waren es, die sich das Land zu Untertan machten. Wir strebten nach Wissen und Macht, und mit der Zeit wurden wir mit gottähnlichen Kräften gesegnet. Die Genforschung ermöglichte uns, den Körper mit neuen Eigenschaften auszustatten. So konnten wir ihn langlebiger machen, oder robuster, oder wir erhöhten die Kapazität des Gehirns und förderten so die telepathischen Sinne. Jedoch war es einem jeden verboten, all diese Fähigkeiten auf einmal zu verbessern. So war eine Ausgewogenheit der Kräfte gegeben: Wer länger leben wollte, büßte mit seiner Kraft. Wer geschickter werden wollte, mußte eine andere Fähigkeit abgeben. Man nannte es das Gleichgewicht der Gene ..." Jonathans Stimme wurde leiser, bis sie ganz verklang.

Loki, die in diesem ganzen Wortschwall so gut wie nichts verstanden hatte, faßte der Kreatur an die Schulter und schüttelte sie. "Kommt zu Euch, Fremder. Ihr sprecht wirres Zeug!"

Ein Lächeln bildete sich auf Jonathans Antlitz, das von den Schatten fast verschluckt wurde. "Ihr versteht es nicht. Noch nicht. Denn es kam, wie es kommen musste: Die Reichen und Mächtigen veränderten ihre Genstruktur auf eine Art und Weise, wie es ihnen verboten war. Sie nahmen sich mehr Fähigkeiten heraus, als sie durften, und so wurden sie zu Übermenschen. Das empfindliche Gleichgewicht war zerstört, und schon bald entbrannten erbitterte Kriege auf der Welt, bis fast nichts mehr von ihr übrig war. Erst, als es beinahe zu spät war, kamen die Überlebenden zur Besinnung. Sie stellten die Welt in jahrzehntelanger Arbeit wieder her und sorgten anschließend dafür, dass das, was geschehen war, nicht noch einmal passieren würde. Mit Hilfe der Genmanipulation stellten sie sicher, dass der Mensch bestimmte Teile seines Gehirns nie mehr nutzen können würde, um sich anschließend all ihrer Erinnerungen und ihres Wissens zu berauben. Nur eine kleine, ausgewählte Gruppe blieb übrig, um hinter ihnen aufzuräumen und alles, was an die Alte Welt erinnerte, zu entfernen. Ich selbst bin der oberste Kommandeur dieser Gruppe, doch auch meine Zeit ist nun gekommen. Ich habe viele Jahrtausende lang über euch gewacht. Mit Freuden habe ich gesehen, dass unsere Berechnungen richtig waren: Die Menschen werden sich niemals wieder so weit entwickeln, dass sie die Welt mit einem Knopfdruck vernichten können. Ihr seid auf ewig in eurem Zeitalter gefangen, worüber ihr froh sein solltet."

"Verstehst du auch nur ein Wort von dem, was er sagt?" fragte Thalar. Loki schüttelte langsam den Kopf, in der Hoffnung, dass der seltsame Fremde vielleicht doch noch etwas Interessantes zu berichten hätte. Sie legte Thalar den Arm um den Rücken und bedeutete ihm, das Wesen ausreden zu lassen.

Jonathan beobachtete die beiden müde. Er schien einschlafen zu wollen, doch dann flackerten seine Lider, und seine Stimme erhob sich wieder: "Versteht ihr nun, wer ihr seid? Wißt ihr, wovon ich spreche? Du, Elfe, bist die Tochter von Menschen, die sich dafür entschieden, länger zu leben und dadurch auch eine Veränderung des Körpers in Kauf nahmen. Du bist hochgewachsen und feingliedrig, nicht sehr kräftig, doch dafür kannst du Jahrtausende an dir vorüberziehen sehen. Und du, Krieger, bist der direkte Nachfahre der Rebellen, der Menschen, die sich weigerten, jedwelche Genmanipulationen über sich ergehen zu lassen. Trolle, Zwerge ... sie sind nichts weiter als veränderte Menschen! Und diejenigen, die ihren Geist erweiterten und die Telepathie erlernten, werden heute von euch als Magier oder Zauberer bezeichnet. Selbst die wenigen Übermenschen, die die Kriege überlebten ... ihr betet sie heute als Götter an ... aber ihr alle stammt ... vom gleichen Schlag, wie man so schön sagt ..." Jonathans Stimme verstummte, doch seine Augen starrten auf Loki und Thalar.

Mit letzter Kraft schaffte er es, sich vom Stuhl zu erheben und aufrecht zu stehen. Es schien, als ob er noch etwas sagen wollte, doch ohne Vorwarnung brach sein Körper in sich zusammen. Loki fing den alten, elfisch anmutenden Körper auf und legte ihn sanft in den Stuhl zurück. Er war tot.

"Was für eine bizarre Geschichte" sagte Thalar und zuckte die Schultern. "Ich habe so gut wie nichts verstanden."

"Mir geht es nicht anders. Und trotzdem fühle ich mich ... verändert."

Ihr Freund sah zum Tunnel, durch den sie gekommen waren. "Ich fühle mich lediglich unwohl. Die beiden Alten in dem Laden hatten Recht. Hier spukt es, und wir sollten zusehen, dass wir schleunigst hinauskommen." Er zeigte auf den Gang und drängte die Elfe zum Gehen.

"Du hast wahrscheinlich Recht" sagte Loki zweifelnd und folgte Thalar nach draußen ins Tageslicht. Doch sie hatte einen Entschluß gefaßt. Sie würde nicht länger mit Thalar vor ihrem Volk fliehen. Auch wenn sie damit vielleicht ihren eigenen Tod herbeiführte, sie würde vor den Rat treten und für das Zusammenleben von Elfen und Menschen kämpfen ...

Frameset fehlt? Home