

Es war stockfinstere Nacht. Kein Mond erhellte die Ebenen von Sinh. Stille lag über dem Land - erdrückende Stille. Moreanas hielt seinen Bogen gespannt. Aufmerksam lauschte er in das tiefe Dunkel. Hatte sich dort etwas bewegt? Ruckartig zuckte sein Kopf in die vermeintliche Richtung. Nichts! Die Augen des jungen Mannes brannten von der Anstrengung, die Schwärze der Nacht zu durchdringen.
Plötzlich spürte er hinter sich eine Bewegung. Moreanas fuhr herum, als ihm auch schon der Bogen aus den Händen geschlagen wurde. Erschrocken stolperte er nach hinten und unterdrückte einen Aufschrei. Er starrte auf den Angreifer und erhaschte einen winzigen Blick auf orangeglühende Augen. Voller Panik wich er weiter zurück.
Die Wolkendecke riß auf und ließ den Mond ungehindert auf die Ebenen scheinen.
Moreanas griff nervös nach seinem Dolch, doch der Anblick seines Gegners ließ ihn mitten in seiner Bewegung innehalten. Unermeßliches Grauen breitete sich in ihm aus, schnürte seine Brust zusammen und lähmte seine Glieder. Nie zuvor in seinem jungen Leben hatte er solche Angst gehabt. Vor ihm stand ein dämonisches Wesen und hatte seinen Mund zu einem entsetzlichen Grinsen verzogen. Hände mit messerscharfen Krallen griffen nach ihm.
Moreanas schrie auf, strauchelte und schlug hart auf dem Boden auf. Er schloß die Augen - das war sein Ende! Schon glaubte er, den Atem seines Feindes an seiner Kehle zu spüren, als er ein dumpfes Geräusch vernahm. Sekundenlang passierte gar nichts. Sekunden, in denen er nur seinen heftigen Herzschlag vermischt mit seinem stoßweisen Atem hörte.
»Moreanas, steh auf«, vernahm er plötzlich eine wohlbekannte Stimme. Er öffnete die Augen und blickte direkt in das ebenmäßige Gesicht seiner älteren Schwester.
»Alles in Ordnung?« Die schwarzhaarige Kriegerin legte sanft ihre Hand auf Moreanas Schulter.
»Ich ... Ich denke schon.« Moreanas raffte sich zum Sitzen auf. »Was ist geschehen? Wo ist ...« In diesem Moment fiel sein Blick auf das tote Wesen, das in seiner unmittelbaren Nähe auf dem Boden lag. Ein Pfeil steckte tief in seinem Rücken. Irritiert sah er zu seiner Schwester.
»Hast du ihn ...«
Die junge Frau lachte leise auf. »Glaubst du, ich lasse dich nachts allein durch die Wildnis streifen und sehe dann zu, wie du getötet wirst?« Dann wurde ihr Blick ernst. »Was mag er hier gewollt haben?« Sie stand auf und ging zu dem leblosen Körper.
»Darilah! Nein, geh da nicht hin!« Moreanas sprang entsetzt auf und packte den Arm seiner Schwester.
Diese sah ihn amüsiert an. »Er ist tot, Moreanas. Der steht nicht wieder auf.«
Der Krieger schüttelte so heftig den Kopf, daß seine langen schwarzen Haare wild um seine Schultern flogen. »Das kannst du nicht wissen! Er ist ein Dämon! Du weißt nicht, welche Magie ihm innewohnt!«
Darilah warf ihrem Bruder einen »bist-du-wirklich-so-ein-Idiot-Blick« zu.
»Tot! Er ist tot und er bleibt tot.« Damit riß sie sich von ihrem Bruder los und kniete sich neben die Gestalt. Sie zerrte dem Wesen die Kapuze vom Kopf und betrachtete das nun entblößte Gesicht. Es war das Gesicht eines alten Mannes. Das Glühen in seinen Augen war erloschen. Schwarz und leblos starrten sie in die Nacht.
»Es war ein Mensch!« Moreanas Stimme klang vor Überraschung schrill.
Darilah nickte. »Er war ein Magier, schätze ich.« Sie griff nach einem kleinen Lederbeutel, den der Tote an seinem Gürtel trug, und zog so lange daran herum, bis er sich löste. Sie schüttete den Inhalt auf den Boden. Viel war nicht darin: zwei milchigweiße, runde Steine, einige Silbermünzen und ein goldener Ring.
Moreanas Aufmerksamkeit wurde von den eigenartig schimmernden Steinen gefesselt.
»Wozu mögen die gut sein?« Er wollte danach greifen, aber Darilah war schneller. Sie packte hastig alles zurück in den Beutel und hielt ihn außer Reichweite ihres Bruders.
»Es liegt nicht an uns, dies herauszufinden. Wir werden die Sachen zur Wicasa bringen. Soll sie entscheiden, was zu tun ist.« Damit stand sie auf und blickte noch einmal auf den Toten. »Wir sollten gehen.«
Die beiden kehrten zu ihrem Lagerplatz zurück. Sie gehörten zum Volk der Sinh, einem Nomadenvolk, das in den Ebenen von Sinh ständig hin und herzog. Ohne zu zögern betraten sie das Zelt der Wicasa. Sie war die weiseste Person des Stammes.
»Wir grüßen dich, Wicasa Nelovyn.« Moreanas verneigte sich vor der alten, grauhaarigen Frau, die mit gekreuzten Beinen vor einer Räucherschale saß. Auch seine Schwester verneigte sich kurz vor der Wicasa.
Nelovyn lächelte sanftmütig und deutete ihnen, sich zu ihr zu setzen. Die Geschwister nahmen vor der Weisen Platz.
»Nun? Was kann ich für euch tun?« Die Stimme Nelovyns war warmherzig.
Moreanas räusperte sich. »Wir haben da etwas ... Also ...«
»Mein Bruder wurde außerhalb des Lagers von einem Magier angegriffen. Ich konnte ihm im letzten Augenblick zu Hilfe eilen. Ich habe den Magier getötet.« Darilah atmete tief ein und reichte der Wicasa den Lederbeutel. »Wir haben das hier bei ihm gefunden.«
Nelovyns Stirn legte sich in Falten. »Was hattet ihr zu dieser Zeit außerhalb des Lagers zu suchen? Ihr wißt, daß es in den Ebenen gefährlich sein kann. Nur innerhalb unseres magischen Kreises kann euch nichts widerfahren.«
Moreanas Ohren brannten von dem Tadel. »Ich wollte ...«
Darilah blickte nun auch zu ihm. »Ja, was um alles in der Welt wolltest du eigentlich? Was ich wollte, weiß ich! Ich wollte dich vor einer Dummheit bewahren.«
Der junge Sinh blickte beschämt zu Boden. »Mir war langweilig, und da dachte ich ... Ich weiß jetzt, daß es dumm und unvorsichtig war. Es wird nicht wieder vorkommen«, murmelte er leise.
Die Wicasa seufzte. »Es gibt bei uns Regeln, die einzuhalten sind, mein junger Freund. Und diese Regeln wurden nicht aufgestellt, um euch zu ärgern oder nachts im Lager einzusperren, sondern um die Gesamtheit der Sippe zu schützen. Ich hoffe, du hast aus deinem Fehler gelernt, Moreanas.« Als dieser nickte, lächelte sie versöhnlich. »Dann wollen wir mal sehen, was ihr da so geheimnisvolles gefunden habt, daß ihr es mir bringt.«
Die Wicasa öffnete den Beutel und schüttete den Inhalt aus. Sie blickte lange auf die Fundstücke.
»Nun, an den Münzen ist nichts ungewöhnliches.« Nelovyn betrachtete sich den Ring genauer. »Das ist ein Feuerring. Normalerweise sind sie nur Elfen von Nutzen«.
»Was wollte er dann damit? Ein Elf war er sicher nicht! Ob er ihn gestohlen hat?« Moreanas rückte neugierig näher an Nelovyn heran.
Die Wicasa zuckte mit den Schultern. »Möglich. Vielleicht wollte er die Magie dieses Ringes verändern, um ihn für sich selbst nutzen zu können.« Nelovyn hatte den Ring bereits wieder desinteressiert beiseite gelegt und starrte nun auf die runden Steine. »Diese hier sind zweifelsohne magisch. Es wird einige Zeit brauchen, um herauszufinden, was es mit ihnen auf sich hat. Ich werde mich darum kümmern. Und nun geht schlafen.«
Die Geschwister erhoben sich etwas erstaunt und verließen das Zelt.
»Ich habe dir noch nicht einmal gedankt, daß du mein Leben gerettet hast ...«, begann Moreanas.
Darilah winkte ab. »Wann bringst du dich denn einmal nicht in Schwierigkeiten, Bruder? Aber ich kann nicht immer da sein, um dich zu retten. Werde endlich erwachsen und erkenne die Regeln unseres Volkes an!«
Am nächsten Morgen begaben sich Moreanas und Darilah schon früh zu Nelovyns buntem Ziegenhautzelt. Doch als sie es betraten, stockte ihnen der Atem. Nelovyn hatte sich über Nacht in eine greise, kranke Frau verwandelt. Darilah stürzte zu der alten Frau und kniete sich neben sie.
»Nelovyn! Was ist denn nur geschehen?«
Die Alte atmete schwer. »Es waren diese Steine. Sie sind sehr, sehr mächtig! Seht sie euch an, sie tragen verschiedene Runen.« Nelovyn reichte Moreanas die Steine, die sie nun jeweils in eine goldene Kette gefaßt hatte, so daß die Steine jetzt von einer Drachenklaue gehalten wurden.
Moreanas griff nach den Ketten und betrachtete sie genauer. »Diese hier trägt die Rune, die für »I« steht.
Nelovyn nickte. »Dieses Amulett hat die Macht, die magischen Fähigkeiten seines Trägers unermeßlich zu erhöhen. Ich gebe ihm den Namen Igra. Doch das andere nimmt seinem Träger die Magie wieder. Dieses Amulett soll Bellenack heißen.« Die Alte hustete schwer. »Ich habe die Zukunft gesehen! Diese Steine werden eines Tages schreckliches Unglück über unsere Welt bringen. Jedes Land Seribains wird davon betroffen sein. Es wird versklavt durch ein unbeschreibliches Ungeheuer und einer Armee von entsetzlichen Kreaturen.
Doch ein Mädchen von uraltem Namen, gezeichnet mit einem sternförmigen Mal, aus einer anderen Welt wird kommen und den Hexenmeister und all seine Kreaturen vernichten. Aber vielleicht muß es nicht so weit kommen. Vielleicht kann man das Schicksal Seribains ändern ... Ich möchte, daß ihr die Ketten nach Dornil tragt. Im Tempel des Lichts sollen sie für immer verwahrt werden. Dort wird niemand ihre Macht mißbrauchen können, denn die Zwerge des Kristallgebirges sind die vertrauenswürdigsten Hüter ganz Seribains. Die Steine können nirgends sicherer versteckt werden. Dort liegt eine Schriftrolle, Darilah. Gebt sie dem Abt zusammen mit den Amulettsteinen.«
»Aber warum bist du so alt geworden, Nelovyn?« Darilah konnte ihr Entsetzen über den schlechten Zustand der Wicasa nicht verbergen, während sie die Schriftrolle an sich nahm.
»Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe die Steine verwechselt. Und als ich die Macht des Igra anrief, um meine magischen Fähigkeiten zu steigern, hielt ich versehentlich das Bellenack in meiner Hand. Dieses Amulett nahm mir all meine Magie! Nicht nur die, welche vom Igra ausging. Nein, auch meine eigene Magie wurde mir genommen. Jetzt bin ich nur noch eine alte Frau.« Eine Träne rollte Nelovyn über das faltenzerfurchte Gesicht.
»Aber kannst du das mit dem Igra nicht wieder rückgängig machen?« Moreanas blickte sie hoffnungsvoll an.
Doch die alte Wicasa schüttelte den Kopf. »Ich habe es versucht, aber es geht nicht. Man muß magische Fähigkeiten besitzen, um diese Steine verwenden zu können. Ich kann es nicht mehr.«
»Aber wir Sinh haben doch alle magische Fähigkeiten! Können wir dir deine Magie nicht zurückgeben?« Darilah fuhr sich nervös mit der Hand durch die langen Haare.
Nelovyn seufzte. »Nein. Diese Steine kann man nur auf sich selbst anwenden.«
»Dann werden wir tun, was du verlangst. Wir werden die Amulette nach Dornil bringen.« Moreanas steckte die goldenen Ketten in seine Tasche und wandte sich an seine Schwester. »Wir sollten sofort aufbrechen.«
Darilah sah zu Nelovyn. »Können wir wirklich nichts für dich tun?«
Die alte Wicasa hustete erneut. »Schickt Browna zu mir. Er wird jetzt der neue Wicasa unseres Stammes werden.«
Darilah schluckte und versprach es.
Nachdem Moreanas und Darilah Browna aufgesucht und Nelovyns Bitte vorgetragen hatten, packten sie ihre Sachen zusammen und sattelten die Pferde. Sie verließen das Lager und machten sich auf den langen Weg nach Dornil.
Drei Tage später erreichten sie den Welser, einen mächtigen Urstrom, und folgten seinem Flußlauf bis zum einem Fähranleger. Das Fährschiff war nicht da und da es bereits zu dämmern begann, beschlossen sie, ein Lager für die Nacht zu errichten. Die Geschwister saßen noch nicht lange an ihrem Feuer, als sich ein junger Mann zu ihnen gesellte.
»Guten Abend, Freunde. Mein Name ist Tarna. Gestattet ihr mir, mich an eurem Feuer zu wärmen?« Er schlug die Kapuze seines mitternachtsblauen Umhanges zurück und nun konnten die Geschwister erkennen, daß er zum Volke der Crogans gehörte. Die Crogans waren ein winziges Volk, das an den Ausläufern des Tauran-Massivs lebte. Das Besondere an ihnen war ihr Aussehen. Sie hatten zwar die Körperform eines Menschen, jedoch wuchsen aus ihrem Schädel drei mächtige geschwungene Hörner. Sie hatten Ohren und Augen eines Wolfes und von der Hüfte abwärts waren sie geschuppt wie Reptilien. Die Crogans waren im allgemeinen in Seribain nicht sonderlich angesehen, da sie ein eher kriegerisches Völkchen waren. Dennoch gestatteten Moreanas und Darilah diesem jungen Burschen, sich zu ihnen zu setzen.
»Was verschlägt Euch in die Ebenen von Sinh«, begehrte Moreanas zu wissen.
Die Augen des Crogans blitzten kurz auf bevor er antwortete.
»Ich bin ein Schüler der Magie. Um meine Ausbildung zu beenden, reise ich durch Seribain, und besuche die Völker, die für ihre magischen Fähigkeiten bekannt sind, um von ihnen zu lernen.« Er lachte leise. »Und von den Sinh kann man nun einmal besonders viel lernen.«
Darilah grinste. »Da mögt Ihr recht haben, Tarna.«
Tarna warf der hübschen Sinh-Kriegerin ein umwerfendes Lächeln zu. »Wer weiß, vielleicht kann ich auch von Euch noch lernen, Mylady.«
Darilah spürte, wie sie leicht errötete. Trotz seines gewöhnungsbedürftigen Aussehens, war sein Gesicht doch sehr attraktiv und die Art, wie er sie ansah, ließ ihr einen angenehmen Schauer über den Rücken laufen.
Sie räusperte sich. »Nun, wir haben vermutlich keine Gelegenheit dazu. Wir sind auf dem Weg ins Kristallgebirge.«
»Oh, dorthin wollte ich auch, würdet ihr mir gestatten, euch zu begleiten? Es gibt viele Gefahren und in der Gruppe sind wir sicherer.« Tarna blickte zu Moreanas.
»Ich habe nichts dagegen.« Moreanas grinste. »Ein neues Gesicht ist mir immer willkommen.«
»Es freut mich, daß Ihr so denkt.« Tarna sah zu Darilah. »Ich hoffe auch, daß Ihr damit einverstanden seit, Mylady.«
»Mein Name ist Darilah. Und dies ist mein Bruder Moreanas. Entschuldigt, daß wir uns erst jetzt vorstellen.« Die junge Sinh lächelte. »Es freut mich, daß Ihr uns begleiten wollt.«
»Euer Vertrauen ehrt mich. Ich könnte ebensogut ein Wegelagerer sein.« Tarna blickte Darilah tief in die Augen.
Die Kriegerin mußte lachen. »Nein ... Ein Wegelagerer seid Ihr nicht, Tarna, da bin ich mir doch schon ziemlich sicher!«
Auch der Crogan lachte. »Wie viele Wegelagerer habt Ihr denn schon getroffen, um Euch so sicher zu sein?«
»Genug.« Darilah strich sich mit der Hand die langen schwarzen Haare aus dem Gesicht. Die bewundernden Blicke des jungen Magiers entgingen ihr dabei nicht.
Auch Moreanas bemerkte, daß Tarna Gefallen an seiner Schwester fand, und es gefiel ihm ganz und gar nicht. Und erst recht gefiel ihm nicht, daß auch Darilah sich für den Crogan zu interessieren schien. Er verzog das Gesicht, aber die beiden schienen es nicht zu bemerken.
»Verratet ihr mir den Grund für Eure Reise, Darilah? Es ist doch ein langer Weg bis nach Dornil.«
Moreanas horchte auf. »Woher wißt ihr, daß wir nach Dornil wollen? Wir hatten es nicht erwähnt.«
Täuschte er sich oder war in Tarnas Augen tatsächlich ein kurzzeitiges Erschrecken zu sehen?
»Nun, ich hatte es angenommen es ist doch die Hauptstadt der Zwerge.« Tarna blickte Moreanas unschuldig an.
»Wir wollen tatsächlich nach Dornil. Wir bringen zwei Amulette in den Heiligen Tempel des Lichts«, plapperte Darilah drauflos.
Moreanas hätte ihr dafür am liebsten die Zunge aus dem Hals gerissen. Er warf ihr einen warnenden Blick zu, aber seine Schwester achtete nicht auf ihn.
Tarna tat überrascht. »Zwei Amulette? Wozu denn das?«
»Damit sie dort sicher verwahrt werden ...«
»Dort kommt die Fähre. Wir sollten das Feuer löschen und uns bereit halten«, unterbrach Moreanas seine Schwester scharf. Er sprang auf und kramte seine Sachen zusammen. »Hol du die Pferde, Darilah.«
Diese sah ihn erstaunt an, als wäre sie soeben aus einer Trance erwacht. Sie schüttelte verwirrt den Kopf und tat, was Moreanas verlangte.
Nur wenige Minuten später befanden sie sich auf der Fähre über den Welser. Die Fahrt würde einige Stunden dauern.
Tarna sprach gerade einige Worte mit dem Fährmann, als Moreanas seine Schwester am Arm packte.
»Verdammt, Darilah, du bist zu vertrauensselig! Wir wissen doch gar nichts von ihm! Und du erzählst ihm munter, was wir vorhaben ...«, fauchte Moreanas sie an.
»Du bist zu mißtrauisch. Wir können ihm bestimmt trauen«, erwiderte Darilah gereizt und riß sich von ihrem Bruder los.
»So? Was weißt du von den Crogans? Man kann ihnen nicht trauen! Sie würden sogar ihre eigene Mutter verkaufen!« Moreanas spie die Worte fast aus.
»Unsinn! Das sagst du nur, weil du eifersüchtig bist.« Darilah verzog beleidigt das Gesicht.
»Pah! Jetzt hör mir mal gut zu, Schwester! Bis wir den Tempel erreicht haben, sagst du kein Sterbenswort mehr über
diese verdammten Steine, oder du lernst mich von einer anderen Seite kennen!«
Darilahs Blick wurde eisig. »Du hast mir überhaupt nichts zu sagen. Ich bin die ältere von uns beiden und so hast du zu tun, was ich DIR sage, nicht umgekehrt.« Damit drehte sie sich mit wutverzerrtem Gesicht um und ging zu Tarna.
»Ich hoffe doch inständig, daß nicht ich der Grund für Euren Streit bin.« Tarna blickte sie mitfühlend an.
Darilah schüttelte den Kopf. »Nein, nicht direkt. Mein Bruder vergißt leider nur allzu oft seinen Stand.« Auch wenn sie über ihren Bruder verärgert war, wußte sie doch, daß er recht hatte. Sie durfte nicht jedem Fremden von ihrem Auftrag berichten.
Während der weiteren Reise versuchte Tarna immer wieder mit beiläufigen Fragen, etwas über die Amulettsteine in Erfahrung zu bringen.
Schließlich erreichten sie die Stadt Dornil im Herzen des Kristallgebirges. Hier trennte sich ihr Weg von Tarna. Der Crogan wollte einen bekannten Magier aufsuchen, während Moreanas und Darilah sich direkt zum Heiligen Tempel des Lichts begaben. Überall auf ihrem Weg dorthin sahen sie dunkelgrüne Kleckse: Mönche in ihren Roben beim Fegen.
Für die Zwerge aus dem ganzen Kristallgebirge war der Tempel ein Ort der Ruhe und der Zuflucht. Ein Ort, wo es kein Ich mehr gab, keine Gefühle und kein Begehren, aber eine strahlende Leere, endgültig und ewig.
Der Tempel selbst war aus weißem Marmor erbaut, umrahmt von riesigen Bäumen. Vor dem marmornen Eingangsportal stand ein Mönch, dürr, barfuß und auf einen Besen gestützt.
»Jenseits unserer Tempelmauern verschwinden die Berge«, sagte er. »Unsere Berge aber haben die Geister der Toten gerettet.«
Es war eine seltsame, rätselhafte Begrüßung. Die Sinh waren Besucher in einem Land, dessen Sprache und Gesetze schwer zu verstehen waren.
»Mit den Bergen«, fuhr der Mönch fort, »verschwinden die Pfade der Weisheit. Und wir vergessen, dass unser Leben nur eine Reise ist. Nennt mich Lobon und sagt mir, wie ich Euch helfen kann.«
Die Mittagssonne drang durch die Kuppel der Baumkronen. Wassertropfen glitzerten auf Blättern. Auf dem Tempel lag die Stille des Tages.
»Wir wünschen den Abt dieses Tempels zu sprechen.« Darilahs flüsterte fast, als sie ehrfürchtig auf den Mönch schaute.
Dieser machte ein Handzeichen und bedeutete den Sihn, ihm zu folgen.
Er öffnete die schweren Holztüren und führte sie in das Innere des Tempels. Andere Mönche traten aus einem Seitengang. Ihre Schritte waren gemessen, ihre Stimmen gedämpft und die Bewegungen ihrer Hände wirkten kontrolliert. Im Gänsemarsch gingen sie auf einen gewaltigen Altar zu, knieten auf dem Steinboden nieder und verbeugten sich mit gefalteten Händen.
Lobon bat sie, zu warten und verschwand in einem weiteren Gang.
Eine vibrierende Stille beherrschte den Raum. Man konnte den Atem der Meditierenden hören. Manchmal öffnete ein Mönch die Augen. Doch der Blick war auf einen sehr fernen Punkt gerichtet.
Nach einer Weile erschien der Abt des Klosters. Er trug im Gegensatz zu den Mönchen eine dunkelrote Kutte. Er mußte angesichts seiner tiefen Falten und der weißen Haare schon sehr alt sein. Aber seine Augen erschienen den Sinh ungewöhnlich jung und paßten irgendwie nicht zu dem Zwerg.
»Ich grüße Euch Fremde. Seid willkommen im Tempel des Lichts. Man nennt mich Virolg den Vater. Folgt mir in meine Kammer.«
Die Kammer des Abtes war spärlich, fast ärmlich eingerichtet. Die wenigen Möbelstücke, die dort standen waren alt und zerschlissen.
Nachdem sie sich an den kleinen Holztisch gesetzt hatten, holte Moreanas die Amulettsteine hervor und legte sie vor den Abt auf den Tisch. Darilah legte die Schriftrolle, die sie von Nelovyn erhalten hatte, dazu.
»Unsere Wicasa bat uns, Euch das hier zu bringen, auf daß diese Amulette in Eurem Tempel sicher verwahrt werden«, begann Moreanas.
Der Abt nahm die Schriftrolle an sich und rollte sie vorsichtig auseinander. Als er den Inhalt studiert hatte, legte er sie in eine Schublade des Tisches.
»Nun, dies sind wahrlich gefährliche Dinge. Wir werden dem Wunsch eurer Wicasa entsprechen und sie gut verschließen. Ihr könnt euch hier von eurer Reise ausruhen und die Nacht in unserem Tempel verbringen.« Virolg legte die Amulettsteine ebenfalls in die Schublade. Anschließend holte er ein Schlüsselbund aus der Tasche seiner Robe und verschloß diese sorgfältig.
»Habt Dank, Virolg.« Darilah nickte dem Zwerg zu und erhob sich.
Der Abt geleitete die Sinh zur Tür. Er winkte nach einem Novizen und bat um Essen und eine Kammer für die Gäste. Dann schloß er die Tür hinter sich und überließ Darilah und Moreanas dem Novizen.
Moreanas und Darilah hatten gerade zu essen begonnen, als sie einen entsetzlichen Schrei hörten. Gleichzeitig sprangen sie auf und hasteten in den Innenhof des Tempels. Auch andere Mönche versammelten sich sogleich und riefen aufgeregt durcheinander.
»Virolg wurde ermordet! Der Vater ist tot!«, hörten die Sinh einen der Mönche rufen.
Sie liefen nun gemeinsam mit den anderen Mönchen zu der Kammer des Abtes.
Moreanas gelang es, sich zwischen den entsetzten Mönchen hindurchzuschieben und erhaschte einen Blick auf den am Boden liegenden Abt. Virolg lag mit aufgerissener Kehle am Boden. Überall war Blut.
Lobon stand hinter dem Schreibtisch und hielt die Schriftrolle der Wicasa in der zitternden Hand.
»Es war ein Crogan! Ich habe noch gesehen, wie er in der Schublade kramte ... Dann ist er plötzlich verschwunden.« Lobons Stimme war vor Trauer verzerrt.
»Tarna!« riefen die beiden Sinh wie aus einem Munde.
Moreanas warf seiner Schwester einen vernichtenden Blick zu.
Darilah blickte schuldbewußt zu Boden. Sie wußte, daß sie dem Magier mehr über die Steine verraten hatte, als sie es eigentlich wollte.
Lobon sah die Besucher fragend an. »Ihr kennt den Mörder?«
»Wir lernten ihn auf unserer Reise hierher kennen. Er ist ein Magier«, erklärte Moreanas.
»Es ist meine Schuld«, gab Darilah zerknirscht zu. »Ich hätte ihm niemals trauen dürfen! Ich habe ihm von den magischen Steinen erzählt, die hier verwahrt werden sollten. Ich konnte doch nicht wissen ...« Die junge Frau kämpfte verbissen mit den Tränen.
»Es war sehr unklug von Euch, einem Fremden ein solches Wissen anzuvertrauen!«, fiel einer der anwesenden Mönche der Sinh aufgebracht ins Wort.
Darilah schluchzte auf. »Ich habe das nicht gewollt! Es tut mir leid und wenn ich irgend etwas tun könnte, um es ungeschehen zu machen, würde ich keine Sekunde zögern! Aber ich kann es nicht!«
Lobon hob beschwichtigend die Hände. »Es war dumm, aber es ändert nichts mehr. Wir sollten alle versuchen, Haltung zu bewahren. Auf diesem Pergament steht, daß zwei Steine hier verwahrt werden sollten. Es fehlt aber nur ein Amulett. Warum hat der Crogan dieses zweite nicht mitgenommen?«
Moreanas stutzte. »Darf ich das Amulett einmal sehen?«
Der Mönch reichte es ihm ohne ein weiteres Wort. Alle starrten nun gebannt auf den jungen Sinh.
»Er hat das Bellenack zurückgelassen.« Moreanas sah zu seiner Schwester.
»Das wundert mich nicht. Nur das Igra hat die Macht, die Magie seines Anwenders zu verstärken. Er hat für das Bellenack keine Verwendung.« Darilah wischte sich die Tränen aus den Augen.
»Aber er weiß doch nichts über diese Steine!« Moreanas schüttelte den Kopf.
»Bist du dir da so sicher? Es könnte ebenso gut sein, daß er es von Anfang an darauf abgesehen hat! Wir wissen ja nicht einmal, wer dieser tote Magier war, der sie bei sich trug!« rief Darilah aufgebracht.
Moreanas wurde blaß. »Glaubst du, es gab eine Verbindung zwischen Tarna und dem toten Magier?«
»Und wenn es so war? Wenn der Tote vielleicht sein Mentor gewesen ist und Tarna ganz genau über die Amulettsteine bescheid wußte?«
Moreanas schüttelte den Kopf. »Warum hat er dann nicht versucht, uns die Steine abzunehmen, bevor wir hier in Dornil ankamen? Er hätte uns doch nur im Schlaf überfallen müssen oder irgend eine Magie auf uns anwenden können. Nein, Darilah, das gibt keinen Sinn!«
Lobon hob seinen rechten Zeigefinger, sein Blick ging jedoch ins Leere, so als dachte er angestrengt über etwas nach. Sekunden herrschte gespannte Stille. Dann sah er zu Moreanas und Darilah.
»Nein, das ergibt einen Sinn! Ist es nicht so, daß euer Volk von Natur aus mit einer so starken Magie gesegnet ist, daß volksfremde Magier kaum eine Möglichkeit haben, gegen euch anzutreten? Angenommen dieser tote Magier, von dem ihr gesprochen habt, war tatsächlich der Meister dieses Crogans, dann wußte er bestimmt um die Macht der Steine. Aber ihr habt diese Steine an euch gebracht, bevor er es konnte. Kann es nicht sein, daß es diesem Crogan niemals gelungen wäre, das Amulett an sich zu bringen, wenn es bei euch geblieben wäre?«
Darilah atmete hörbar ein. »Aber das würde ja heißen, daß unsere Wicasa sich geirrt hätte, als sie sagte, die Amulette wären nirgends sicherer als in eurem Tempel!«
Lobon hob verwundert eine Augenbraue. »Scheint es Euch so unwahrscheinlich, daß eine Wicasa sich irrt?«
»Nun ...«, Darilah räusperte sich. »Wenn ich ehrlich bin, tut es das.«
Lobon schüttelte leicht den Kopf. »Eine Wicasa ist auch nur ein Mensch.«
»Sie hat prophezeit, daß diese Amulette eines Tages schreckliches Unglück über Seribain bringen werden ...«, meldete sich nun Moreanas zu Wort.
»Und nun scheint es, daß sie dieses Unglück heraufbeschworen hat.« Lobon legte die Schriftrolle, die er die ganze Zeit in seiner Hand gehalten hatte, auf den Tisch.
»Das kann ich nicht glauben!« rief Darilah außer sich.
»Sei still, Schwester! Lobon hat recht! Warum hätte sich Nelovyn nicht irren sollen? Sie war alt. Sie hat sich ja auch mit den Amulettsteinen vertan und dadurch ihre Magie verloren! Aber wenn dem wirklich so ist ... was können wir dann tun, um ein noch größeres Unglück abzuwenden?«
Lobon legte seine Hand auf Moreanas Schulter. »Eure Wicasa schrieb von einem Mädchen aus einer fremden Welt, die kommen würde ...«
»Das kann noch Jahrhunderte dauern! Es muß doch eine Möglichkeit geben, schon vorher etwas zu tun!« Moreanas warf dem Mönch einen hilflosen Blick zu.
Lobon senkte den Kopf. »Ich wüßte nicht, was wir tun können. Der Schriftrolle nach hat das gestohlene Amulett die Macht, die Magie des Trägers unermeßlich zu verstärken. Wie sollten einfache Menschen, selbst wenn sie selbst die Kunst der Magie beherrschen, gegen eine solche Kreatur des Bösen etwas ausrichten können?«
Es herrschte einen Moment lang betroffenes Schweigen.
»Was wird aus dem Bellenack?« Darilah blicke auf das Amulett, das Moreanas noch immer in seiner Hand hielt.
»Ihr könnt es hier lassen; wir werden es für euch verwahren. Dieser Crogan hatte keine Verwendung dafür. Ich glaube nicht, daß dieses Amulett eine Gefahr für uns darstellt«, antwortete Lobon.
»Dann sollten wir jetzt gehen. Wir haben genug Unglück über euren Tempel gebracht.« Moreanas reichte Lobon das Bellenack und verließ die Kammer des Abtes.
Darilah warf noch einen letzten Blick auf den Getöteten, über den einer der Mönche eine Decke geworfen hatte und folgte ihrem Bruder hinaus.
Es regnete und der Himmel war von dunklen Wolken überzogen, als Darilah und Moreanas die Stadt verließen. Und das Wetter änderte sich während ihrer ganzen Rückreise nicht.
Sie erreichten das Lager ihrer Sippe bei Einbruch der Dämmerung. Sie hatten noch nicht einmal ihre Pferde versorgt, als sie die Nachricht von Nelovyns Tod ereilte.
Tiefe Betroffenheit machte sich in den Geschwistern breit, während sie zum Zelt des neuen Wicasa eilten.
»Browna?« Moreanas schlug mit der flachen Hand an die lederne Zeltwand.
Ein alter grauhaariger Mann schlug die Plane zurück und musterte sie mit grünen Augen.
»So, da seid ihr also wieder. Willkommen daheim.« Brownas Stimme klang rauh. »Ich weiß bereits, was im Tempel geschehen ist und ich kenne auch Nelovyns Prophezeiung.«
»Aber wir wissen doch, wer unser Gegner ist! Können wir nicht ...«, Moreanas brach ab und sperrte den Mund auf, als wäre er über irgend etwas erschrocken.
Dann hörten es auch Darilah und Browna.
Ein Rauschen erfüllte die Luft, wie von gewaltigen Schwingen. Eine Kreatur von enormer Größe schwebte über das Lager. Ein Wesen von solcher Bosheit, daß sein bloßer Anblick schon ihr Leben zu bedrohen schien. Es schien ihnen allein durch seine Anwesenheit den Atem zu nehmen, so daß sie nach Luft rangen. Das Monstrum ähnelte einem wahr gewordenem Alptraum aus messerscharfen Klauen, Reißzähnen und glanzlosen Panzerschuppen. Gewaltige gezackte Schwingen trugen einen schmalen Körper mit Stummelbeinen, der in einem langen, peitschenförmigen Schwanz endete und die Augen in dem mächtigen Schädel schienen die Glut des Bösen widerzuspiegeln. Schließlich flog es hoch in den Himmel, drehte noch einige Kreise und schwebte gen Norden.
Als sich die Sinh von dem Schrecken erholt hatten, ergriff Browna das Wort.
»Es hat begonnen. Ihr törichten Kinder! Glaubt ihr wirklich, ihr könntet es mit einer so mächtigen Magie aufnehmen? Nichts können wir tun - nur auf das Mädchen aus der Weissagung warten und hoffen, daß sich Nelovyn wenigstens dabei nicht geirrt hat.«
- Ende -
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